Längst nicht jeder Gesetzesverstoß ist auch wettbewerbswidrig

Nicht jeder Verstoß gegen ein Gesetz ist auch zugleich wettbewerbswidrig im Sinne des § 3a UWG (§ 4 Nr. 11 UWG a.F.). § 3a UWG fordert einen Verstoß gegen eine sogenannte "Marktverhaltensregel": Es muss ein wettbewerbsrechtlich relevantes Gesetz sein, gegen das verstoßen wurde.

Marktverhaltensregeln i.S.d. § 3a UWG (= § 4 Nr. 11 UWG a.F.)

Solche wettbewerbsrechtlich relevante Gesetze nennt man "Marktverhaltensregeln" (BGH v. 31.5.2012, I ZR 45/11 – Missbräuchliche Vertragsstrafe, Rz. 42). Solche Marktverhaltensregeln sind beispielsweise:

Haben Sie Fragen zum Wettbewerbsrecht?

Sofortige Ersteinschätzung

Rufen Sie uns an oder schreiben Sie uns, per Email oder über unser Kontaktformular. Wir antworten umgehend.

Ihr Ansprechpartner: Thomas Seifried, Rechtsanwalt und Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz

SEIFRIED Rechtsanwälte

Büro Frankfurt

Corneliusstraße 18
60325 Frankfurt am Main (Westend)

+49 69 91 50 76 0

Büro Berlin

Wilmersdorfer Str. 94
10629 Berlin (Charlottenburg)

+49 30 23 58 85 94

Kostenloser Download "Rechtssicher werben 2019"

Das Ebook zum Werberecht: Print, Online, SEA und SEO, Influencer, mit vielen Beispielen aus der Rechtsprechung

Kostenloser Download "Abgemahnt - Die erste-Hilfe-Taschenfibel"

Alles über Abmahnungen und strafbewehrte Unterlassungserklärungen, mit Musterformularen

Praktikerhandbuch Seifried/Borbach

„Schutzrechte und Rechtsschutz in der Mode- und Textilindustrie", 368 Seiten, erschienen 2014 in der dfv-Mediengruppe

Beispiele von Marktverhaltensregeln nach § 3a UWG

Welche Gesetze sind als Marktverhaltensregeln wettbewerbsrechtlich relevant?

Die folgenden Gesetze sind Marktverhaltensregeln. Verstöße gegen diese Gesetze können von Mitbewerbern und den hierzu befugten Verbänden und Kammern verfolgt werden, z.B. mit einer Abmahnung oder dem Antrag auf Erlass einer einstweilgen Verfügung.

Besonders häufige Verstöße gegen  Marktverhaltensregeln

Besonders häufig werden Verstöße gegen die folgenden Marktverhaltensregeln verfolgt:

  • Vorschriften der Preisangabeverordnung (PangV). Preise müssen daher grundsätzlich als Endpreise, d. h. Inklusive aller Preisbestandteile (Umsatzsteuer, Versandkosten, zusätzlich anfallende Steuern und Gebühren) angegeben werden und zwar schon bei Einleitung des Bestellvorgangs und nicht erst im virtuellen Warenkorb des Onlineshops (BGH 16. 7. 2009 - I ZR 50/07– Kamerakauf im Internet).
  • Auch ein Verstoß gegen die Pflicht zur Anbieterkennzeichnung, sog. „Impressumspflicht", wird von der Rechtsprechung als unlauter angesehen. Es reicht aber in aller Regel aus, wenn die Anbieterkennzeichnung über einen Link „Kontakt" und einen weiteren Link „Impressum" über insgesamt zwei Links erreichbar ist (BGH, Urteil vom 20.7.2006 - I ZR 228/03 - Anbieterkennzeichnung im Internet). Ein Impressum muss auch angeben, wer seine Produkte über eBay anbietet und dabei eine Software (App) für mobile Endgeräte (z.B. iPhone) benutzt (OLG Hamm NJW-RR 2010, 1481 – iPhone)

Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB)als Marktverhaltensregeln

Zahlreiche Vorschriften des BGB sind Marktverhaltensregeln, z.B.

Informationspflichten gegenüber Verbrauchern

  • Pflicht, bei einem Telefonanruf zum Zweck eines Vertragsschlusses seine Identität und den Zweck des Anrufs offenzulegen (BGH v. 19.4.2018 – I ZR 244/16 - Namensangabe)
  • Informationspflichten im Internet, insbesondere §§ 312c, 355 BGB und über das Widerrufsrecht des Verbrauchers, § 312 d) BGB
  • § 312a IV BGB (LG Hamburg v. 01.10.2015 - 327 O 166/15, LG Aschaffenburg v. 13.07.2016 - 1 HK O 66/15)

Marktverhaltensregeln im Recht der Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB)

  • die Generalklausel zur AGB-Inhaltskontrolle § 307 BGB (BGH v. 31.5.2012, I ZR 45/11 – Missbräuchliche Vertragsstrafe)
  • die Vorschrift über die Wirksamkeit von Annahme- und Leistungs- und Lieferfristen in AGB, § 308 Nr. 1 BGB (BGH v. 31.5.2012, I ZR 45/11 – Missbräuchliche Vertragsstrafe) ;
  • die Vorschrift über die Unwirksamkeit von Haftungsaussschlüssen in AGB für die Verletzung von Leben, Körper und Gesundheit, § 309 Nr. 7 a) BGB (BGH v. 31.5.2012, I ZR 45/11 – Missbräuchliche Vertragsstrafe).

Marktverhaltensregeln im Personenbeförderungsgesetz (PBefG)

  • § 47 PBefG (BGH v. 18.10.2012 – I ZR 191/11 – Taxibestellung)
  • § 49 IV 5 PBefG (BGH v. 24.11.2011 – I ZR 154/10 – Mietwagenwerbung)
  • die Rückkehrpflicht des § 49 IV 3, 4 PBefG: Rückkehrpflicht für Mietwagen (BGH v. 30.04.2015 - I ZR 196/13 - Rückkehrpflicht V; BGH v. 13.12.2018 - I ZR 3/16 - Uber Black II)

Datenschutzrechtliche Vorschriften (TMG, BDSG, DSGVO) als Marktverhaltensregeln

Ob Verstöße gegen datenschutzrechtliche Bestimmungen zugleich auch Verstöße gegen das Wettbewerbsrecht und damit abgemahnt werden können, ist häufig umstritten. Eine Übersicht über die Rechtslage:

Verstöße gegen TMG und BDSG

  • §§ 12, 13 TMG sind Marktverhaltensregeln (EuGH v. 29.7.2019 – C-40/17 – Fashion ID; OLG Hamburg Urteil v. 27.6.2013, 3 U 26/12; OLG Köln v. 11.03.2016 - 6 U 121/15 - Fehlende datenschutzrechtliche Hinweispflichten in Kontaktformular);
    Die andere Ansicht des Kammergerichts Berlin (Urteil v. 29.4.2011, 5 W 88/11 – Fehlende Belehrung über die Datennutzung in sozialen Netzwerk) ist angesichts der "Fashion ID"-Entscheidung des EuGH überholt.
  • § 28 III BDSG (OLG Köln v. 17.01.2014 - 6 U 167/13 - Anlegerbrief)
     
  • Die Vorschriften über die Datenverarbeitung zu Werbezwecken (§§ 4, 28 BDSG) halten für wettbewerbsrechtlich relevante Marktverhaltensregeln
    das OLG Karlsruhe (Urteil v. 9.5.2012, 6 U 38/11 – Neuer Versorger; hier wurde die Revision zugelassen)
    das OLG Köln (Urteil v. 14.8.2009, 6 U 70/09 – Rückgewinnungsschreiben)
    das OLG Stuttgart (Urteil v. 22.2.2007, 2 U 132/06 – Werbung mit rechtswidrig erlangten Kundendaten)

Abgelehnt wird die Annahme, Verstöße gegen das BDSG seien zugleich auch unlautere geschäftliche Handlung von

  • OLG München (Urteil v. 12.1.2012, 29 U 3926/11 – Nutzung von Daten für Werberundschreiben)
  • OLG Frankfurt (Urteil v. 30.6.2005, 6 U 168/04 – Skoda-Autokids-Club)

Sind Verstöße gegen die DSGVO wettbewerbsrechtlich relevant und abmahnfähig?

Ob Verstöße gegen die DSGVO wettbewerbsrechtlich relevant und abmahnfähig ist umstritten. Die überwiegende Rechtsprechung hält derzeit Verstöße gegen die DSGVO für nicht wettbewerbsrechtlich relevant. Die Meinungen

DSGVO ist wettbewerbsrechtlich nicht relvant:

  • LG Stuttgart v. 20.5.2019 - 35 O 68/18 KfH. Sanktionen der DSGVO seien nach Art. 57 DSGVO Aufgabe der Aufsichtsbehörden. Auch dass der deutsche Gesetzgeber die Ermächtigung nach Art. 80 II DSGVO nicht genutzt hat, die Rechtsbehelfe auch für Mitbewerber vorsieht, spreche gegen diese Ansicht. Ebenso: LG Magdeburg v. 18.2.2019 - 36 O 48/18: LG Wiesbaden v. 5.11.2018 - 5 O 214/18; LG Bochum v. 7.8.2018 - I-12 O 85/18; Stellungnahme der Kommission v. 3.10.2018, E-004117/2018)

DSGVO ist wettbewerbsrechtlich relvant:

  • Verstöße gegen die DSGVO können "im Einzelfall" abmahnfähig sein (OLG Hamburg v. 25.10.2018 - 3 U 66/17; LG Würzburg v. 13.09.2018 - 11 O 1741/18).

Strafrechtliche Vorschriften als Marktverhaltensregeln

  • § 263 StGB, Betrug (OLG Düsseldorf v. 15.09.2005 - 13 U 113/05 - Werbebonus); ebenso OLG Frankfurt bei "planmäßigem Vorgehen" (OLG Frankfurt v. 11.05.2006 - 6 U 7/06 - Selbstbehalt)
  • § 284 StGB, Unerlaubte Veranstaltung eines Glücksspiels (BGH v. 01.04.2004 - I ZR 317/01 - Schöner Wetten)

Verstöße gegen Pflichtangaben zum Engergieverbrauch

  • Normen der Pkw-EnergieverbrauchskennzeichnungsverordnungPkw-EnVKV (BGH GRUR 2010, 852 – Gallardo Spyder)
  • Pflicht zur Energieverbrauchsangabe von Gebäuden nach § 16a Energieeinsparverordnung - EnEV (BGH, Urt. v. 5.10.2017 – I ZR 232/16 - Energieausweis). § 16a EnEV gilt zwar nicht für Immobilienmakler. Wenn Immobilienmakler einen Energieausweis aber nicht angeben, handeln sie dennoch wettbewerbswidrig, weil sie eine wesentliche Angabe i.S.d.  § 5a II UWG nicht angegeben haben (BGH, Urt. v. 5.10.2017 – I ZR 232/16 - Energieausweis).

Verstöße gegen Werbebeschränkungen für Lebensmittel

  • Art. 28 I Unterabs. 1 b) der Verordnung Nr. 834/2007, EG-Öko-Basisverordnung (BGH v. 29.03.2018 - I ZR 243/14 - Bio-Gewürze II)
  • Art. 28 II 2 der Verordnung Nr. 834/2007, EG-Öko-Basisverordnung (EuGH, 12.10.2017 - C-289/16 - Wettbewerbszentrale/Kamin und Grill Shop): Onlinehändler dürfen Bio-Lebensmittel nur mit Zertifizierung verkaufen.
  • Vorschriften der Health-Claims-Verordnung

Normen des Grundgesetzes als Marktverhaltensregeln

Sogar Normen des Grundgesetzes können Marktverhaltensregeln sein. Als solche hat der BGH angesehen

  • das Gebot der Staatsferne der Presse in Art. 5 I 2 GG (BGH v. 20.12.2018 - I ZR 112/17 - Anspruch auf Unterlassung der kostenlosen Verteilung eines kommunalen "Stadtblatts")

Weitere Marktverhaltensregeln sind

  • § 18 RettG NRW (Krankentransporte durch private Unternehmen) ist Marktverhaltensregelung zum Schutz der Kranken (BGH v. 15.1.2009 - I ZR 141/06 - ÜberregionalerKrankentransport)
  • § 6 II WoVermRG (LG Düsseldorf v. 14.07.2010 - 12 O 150/10)
  • das Rückkaufverbot des § 34 IV GewO. Dieses Rückkaufverbot, das auch für verschleierte Pfandleihgeschäfte gilt, gilt nicht nur für Pfandleiher, sondern für jeden (BGH v. 14.9.2009 - I ZR 179/07 - Die clevere Alternative).
  • Art. 16 I Textilkennzeichnungsverordnung (TextilkennzVO): BGH v. 24.03.2016 – I ZR 7/15 – Textilkennzeichnung
  • § 8 Abs. 1a S. 1 AltölV (OLG Celle v. 16.06.2016 - 13 U 26/16 - Versandkostenübernahmepflicht bei Rücksendung von Altöl)
  • Vergleichende nährwertbezogene Angaben nach Art. 8 und 9 der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 (BGH v. 18.05.2017 - I ZR 100/16 - Märchensuppe)
  • § 22a II S. 1 StVZO, Pflicht zur Kennzeichnung von Fahrzeugteilen mit amtlich vorgeschriebenen und zugeteilten Prüfzeichen (OLG Hamm v. 11.03.2014 - 4 U 127/13 - Soffitte)
  • Art. 9 II EU-VO 260/212- SEPA-Verordnung (OLG Karlsruhe v. 20.04.2018 - 4 U 120/17)
  • § 8 I ZAG, Pflicht zur BaFin-Lizenz bei Zahlungsdienst (LG Köln v. 29.9.2011 - 81 O 91/11)
  • § 7 Abs. 1 Satz 1 HWG - Verbot von Zuwendungen und Werbegaben in der Arzneimittelwerbung: Die Zugabe sowohl eines Brötchen-Gutscheins als auch eines Ein-Euro-Gutscheins durch einen Apotheker beim Erwerb eines verschreibungspflichtigen Medikaments ist wettbewerbswidrig, weil beide Werbegaben gegen die geltenden Preisbindungsvorschriften verstoßen (BGH v. 6.6.2019 - I ZR 206/17 - 2 Wasserweck oder 1 Ofenkrusti; BGH v. 6.6.2019 - I ZR 60/18 - Ein-Euro-Gutschein ).
  • § 49b II BRAO - Verbot eines Erfolgshonorars (BGH v. 6.6.2019 - I ZR 67/19 - Erfolgshonorar für Versicherungsberater). Das Verbot der Vereinbarung eines Erfolgshonorars gilt nicht nur für Rechtsanwälte, sondern über § 4 RDGEG gilt zum einen für Rentenberaterinnen und Rentenberater (registrierte Personen nach § 10 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 RDG) und zum anderen für registrierte Erlaubnisinhaber mit Ausnahme der Frachtprüferinnen und Frachtprüfer. Das Verbot gilt damit auch für Versicherungsmakler mit Erlaubnis nach § 34d I GewO (BGH v. 6.6.2019 - I ZR 67/19 - Erfolgshonorar für Versicherungsberater).

Haben Sie Fragen zum Thema?

Rufen Sie uns unverbindlich an: Tel. (069) 915076-0

Ihr Ansprechpartner: Thomas Seifried, Anwalt Wettbewerbsrecht und Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz

Kostenloser Download: Ebook zum Wettbewerbsrecht und Werberecht

"Rechtssicher werben"

Ebook zum Wettbewerbsrecht und Werberecht: Print, Online, SEA und SEO, Influencer mit vielen Beispielen aus der Rechtsprechung. Keine Anmeldung erforderlich.

Keine Marktverhaltensregeln

Nicht wettbewerbsbezogen sind die straßenrechtlichen Bestimmungen über eine Sondernutzungserlaubnis (BGH GRUR 2006, 872 – Kraftfahrzeuganhänger mit Werbeschildern).

Aktuelles im Wettbewerbsrecht und Werberecht

Beliebt in unserem BLOG: