TextilkennzVO

Inhalt, wettbewerbsrechtliche Relevanz und Beispiele

Kennzeichnungen nach der Textilkennzeichnungsverordnung sind Pflicht

Seit 7.11.2011 ist die europäische Textilkennzeichnungsverordnung - VERORDNUNG (EU) Nr. 1007/2011 in Kraft. Die Textilkennzeichnungsverordnung hat das Textilkennzeichnungsgesetz abgelöst. Seit dem 8.5.2012 ist eine Kennzeichnung nach dieser Verordnung Pflicht. Die TextilKennzVO enthält einige Änderungen gegenüber des bisherigen Textilkennzeichnungsgesetzes. Beispielsweise sind nun auch „nichttextile Bestandteile tierischen Ursprungs“ zu kennzeichnen (Art. 12 Abs. 1 TextilkennzeichnungsVO), also z.B. auch Bestandteile aus Leder, Horn oder Fell.

Verstöße gegen die Textilkennzeichnungsverordnung sind wettbewerbswidrig

Verstöße gegen die Pflicht zur richtigen Kennzeichnung können nicht nur Geldbußen nach sich ziehen, sondern auch Wettbewerbsverstöße darstellen. Es drohen dabei nicht nur Abmahnungen von Konkurrenten. Auch die verbandsklagebefugten Verbände, etwa die Wettbewerbszentrale, können Verstöße ahnden. Die Rechtsprechung hält Verstöße gegen die Textilkennzeichnungsverordnung generell für unlauter und daher wettbewerbswidrig. Denn die Normen der Textilkennzeichnungsverordnung sind Marktverhaltensregel nach § 3a UWG (vgl. für einen Verstoß gegen Art. 16 I Textilkennzeichnungsverordnung: BGH v. 24.03.2016 – I ZR 7/15 – Textilkennzeichnung; OLG Köln v. 19.06.2015 - 6 U 183/14).

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Beispiele für Verstöße gegen die TextilkennzVO:

Die Angabe für eine Laufmütze

"SHELL: 100% POLYESTER; WINDSTOPPER@MEMBRANE; 100% POLYESTER; INSERT: 88% NYLON; 12% ELASTANE"

ist unzulässig und wettbewerbswidrig. Denn die Textilkomponenten ("shell" anstatt"Außenhaut"; Windstopper-Membran und "insert" anstatt "Einsatz") und müssen in deutscher Sprache angegeben werden. Das gilt auch für die jeweilige Faserzusammensetzung. Hier müssen zwingend die Begriffe der deutschen Fassung des Anhangs I der TextilkennzVO verwendet werden (OLG Stuttgart, Urteil v. 18.10.2018 - 2 U 55/18)

Ebenso unzulässig ist die Angabe

"Polyamid mit Polyurethan"

Denn der Anhang I der TextilkennzVO nennt unter Nr. 30 die Bezeichnung "Polyamid oder Nylon" und unter Nr. 39 die Bezeichnung "Polyurethan", nicht jedoch beide gleichzeitig. Die Bezeichnung "Polyamid mit Polyurethan" suggeriert darüberhinaus, dass es sich um eine kombinierte Textilfaser handelt, also um eine eigene Textilkomponente (OLG Stuttgart, Urteil v. 18.10.2018 - 2 U 55/18).

Unzulässig ist auch die Kennzeichnung

„52% Cotton 40 % Polyester 8 % Acrylic“

oder

„Material: 52% Baumwolle, 40% Polyester, 8% Acryl“

Denn die richtige Bezeichnung nach der Textilkennzeichnungsverordnung laute „Polyacryl“ und nicht etwa „Acryl“ oder „Acrylic“ (OLG München v. 20.10.2016 – 6 U 2046/16 – Acryl und Cotton als Textilkennzeichnung).

Keine Verstöße gegen die TextilkennzVO

Textilerzeugnisse, die aus einer Faser bestehen müssen nicht zwingend mit einem der drei in Art 7 I TextilkennzVO genannten Begriffe ("100%", "rein", ganz") bezeichnet werden. Erlaubt ist auch lediglich die Nennung der Textilfaser ohne eine dieser Zusätze (EuGH v. 5.8.2018 - C-339/19 - Wettbewerbszentrale/Princesport).

Auch gebrauchte Kleidung (Second Hand Kleidung) muss nicht gekennzeichnet werden, wenn sie als "gebraucht" abgeboten wird (Anhang V Nr. 13 zu Art. 17 II TextilkennzVO).

 

Beispiel aus der Rechtsprechung: „Acryl“ und „Acrylic“ statt „Polyacryl“ ist wettbewerbswidrig, „Cotton“ statt „Baumwolle“ aber nicht

OLG München v. 20.10.2016 - 6 U 2046/16 – Acryl und Cotton als Textilkennzeichnung

Die Netto Marken-Discount AG & Co. KG  verkaufte Jogginghosen, die in der oben abgebildeten Verpackung geliefert wurden. Als Information über die Textilfaserzusammensetzung war darauf zu lesen:

„52% Cotton 40 % Polyester 8 % Acrylic“

Angeboten wurden die Jogginghosen im Onlineshop:

Die Produktbeschreibung enthielt für die Textilfaserzusammensetzung u.a. folgende Hinweise:

„Material: 52% Baumwolle, 40% Polyester, 8% Acryl“

Ein großer deutscher Bekleidungshersteller beanstandete mit einer einstweiligen Verfügung eine falsche Textilfaserbezeichnung. Die richtige Bezeichnung nach der Textilkennzeichnungsverordnung laute „Polyacryl“ und nicht etwa „Acryl“ oder „Acrylic“. Auch die Bezeichnung „Cotton“ sei nicht erlaubt. Es müsse richtigerweise „Baumwolle“ heißen. Denn Art. 16 Abs. 3 Unterabsatz 1 Textilkennzeichnungsverordnung schreibe vor, dass in der jeweiligen Amtssprache des Mitgliedsstaates zu kennzeichnen sei. Das Oberlandesgericht München gab dem Bekleidungshersteller teilweise Recht (Urteil v. 20.10.2016, Az. 6 U 2046/16 - Acryl und Cotton als Textilkennzeichnung):

Textilkennzeichnungspflicht gilt für Hersteller und Händler

Zunächst muss nicht nur der Hersteller, sondern auch der Händler richtig kennzeichnen (Art. 15 Abs. 3 Textilkennzeichnungsverordnung), und zwar auch in Internetangeboten (Art. 16 Abs. 2 S. 2 Textilkennzeichnungsverordnung).

„Acryl“ und „Acrylic“ ist wettbewerbswidrig

Als Faserzusammensetzungen auf Kennzeichnungen und Etiketten dürfen nur die in der Textilkennzeichnungsverordnung genannten Bezeichnungen benutzt werden. Nr. 26 im Anhang I der Textilkennzeichnungsverordnung sehe aber den Begriff „Polyacryl“ vor und nicht „Acryl“, so das OLG München. Der  Begriff „Acryl“ könne auch nicht ohne weiteres mit „Polyacryl“ gleichgesetzt werden. Denn Nr. 29 des Anhangs zur Textilkennzeichnungsverordnung nenne auch die Faser „Modacryl“. Ein Verbraucher könne daher nicht wissen, ob mit „Acryl“ nun „Polyacryl“ oder aber „Modacryl“ gemeint sei. Dieser Verstoß gegen die Textilkennzeichnungsverordnung sei zugleich ein spürbarer Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht.

OLG München: „Cotton“ statt „Baumwolle“ nicht wettbewerbswidrig

Abgewiesen hatte das OLG München den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung, soweit er die Bezeichnung „Cotton“ statt „Baumwolle“ betraf. Es sei zwar richtig, dass nach Art. 16 Abs. 3 Textilkennzeichnungsverordnung die Textilfaserzusammensetzung in der jeweiligen Amtssprache des Mitgliedsstaates angegeben werden müsse. § 4 Abs. 1 TextilkennzeichnungsG ordnet dementsprechend eine Kennzeichnung „in deutscher Sprache“ an. Dieser Verstoß sei aber dennoch nicht wettbewerbswidrig. Denn hinzukommen müsse auch, dass der durchschnittliche Verbraucher zu einer geschäftlichen Entscheidung veranlasst werde, die er sonst nicht getroffen hätte (§ 5a Abs. 2 Nr. 2 UWG). Dieses Erfordernis hatte die Rechtsprechung bis zur letzten Reform des UWG im Jahr 2015 als „Spürbarkeitserfordernis“ (§ 3 UWG a.F.) behandelt.

Angabe der Textilfaserzusammensetzung in Katalogen und Prospekten

Wenn ein Textilerzeugnis „auf dem Markt bereitgestellt“ wird, muss die Textilfaserzusammensetzung angegeben werden und zwar „vor dem Kauf“,  Art. 16 I Textilkennzeichnungsverordnung (TextilkennzVO). Das gilt auch für in Katalogen und Prospekten, in denen mit Preisen geworben wird. Ausnahme: Die Ware kann alleine aufgrund des Prospekts nicht gekauft werden.

Beispiel BGH v. 24.03.2016 – I ZR 7/15 - Textilkennzeichnung

Der Fall: Ein Prospekt enthielt weder einen Verweis auf einen Onlineshop, noch konnte man telefonisch bestellen. Gekauft werden konnte die Ware nur in den stationären Filialen. Die Wettbewerbszentrale klagte. Sie war der Auffassung, schon in diesem Prospekt hätte die Textilfaserzusammensetzung angegeben werden müssen. Das OLG Düsseldorf widersprach: Das „Bereitstellen auf dem Markt“ bedeute nämlich: Abgeben, um zu verkaufen oder zu verbrauchen. Wenn die in dem Prospekt beworbene Ware aber tatsächlich weder online, noch telefonisch, sondern nur vor Ort in den stationären Filialen gekauft werden könne, müsse der Verbraucher auch erst dann über die Faserzusammensetzung informiert werden. Der BGH gab dem OLG Düsseldorf  mit Urteil vom 24.3.2016 Recht: Wenn es für ein Textilerzeugnis keine Bestellmöglichkeit gebe, würde es auch noch nicht „auf dem Markt bereitgestellt“. In reinen Werbeprospekten ohne Bestellmöglichkeit muss daher über die Textilzusammensetzung (noch) nicht informiert werden.